Geschmacksexperiment an den Hamburger Landungsbrücken: Einmal Labskaus in der Tourifalle, büdde!

Labskaus im Blockbräu an den Hamburger Landungsbrücken

Bloggerkollegin Angela von unterwegsmitkind.com hat in Hamburg ein kulinarisches Experiment gewagt: Sie ist in einer vermeintlichen Tourifalle essen gegangen und hat den norddeutschen Klassiker Labskaus (wer’s nicht kennt: Kartoffel-Rote Bete-Pürree mit Spiegelei, saurer Gurke und Hering) probiert. Ihr Fazit: Super! Im Gastbeitrag erzählt sie uns mehr.

Um manche Restaurants mache ich lieber einen Bogen. Das gilt vor allem, wenn sie direkt an touristischen Hotspots liegen (außer mein Sohn bekommt genau da eine unabwendbare Heißhungerattacke). So wäre ich auch nie und nimmer ins Blockbräu an den Hamburger Landungsbrücken gegangen. Das sieht von außen nämlich aus wie die klassische Touristenfalle: prominente Lage direkt am berühmten Pegelturm, aufdringliche Leuchtreklame und riesengroß.

Entsprechend überrascht war ich, als mir ein Hamburger Freund genau dieses Restaurant zum gemeinsamen Abendessen vorschlug. Weil es aber nah an unserer Unterkunft lag und ich nach einem späten Essen mein müdes Kind möglichst schnell ins Bett bringen wollte, nahm ich den Vorschlag an. Schließlich hat der Freund aus Hamburg im Allgemeinen einen guten Geschmack.

Als wir den riesigen Gastraum betreten, begrüßt uns Bierzeltatmosphäre à la Münchner Hofbräuhaus. Sofort meldet sich meine Skepsis wieder. Sogar bayrische Volksmusik live gibt es an diesem Abend. Im Erdgeschoss stehen Eichentische und Bänke ohne Lehne. Über eine breite Treppe geht es nach oben auf eine Galerie. Als ich entdecke, dass das Blockbräu sein eigenes Bier braut, bin ich schon etwas milder gestimmt.

20170425_Labskaus an den Hamburger Landungsbrücken Sudkessel Blockbräu (c) unterwegsmitkind.com

Dicker Pluspunkt: Frisch gebrautes, frisch gezapftes Bier

Das Sudhaus ziert mit zwei großen Kesseln die Galerie. Unten im Gastraum stehen zusätzlich vier riesige Edelstahl-Tanks für den Ausschank. Natürlich wollen wir das selbstgebraute Bier probieren. Ich entscheide mich für das saisonale Bier, ein Pale Ale, das hell und trüb im 0,25-Liter-Glas daher kommt. Es schmeckt leicht, etwas fruchtig und trotz der Trübe nur wenig gärig – genau wie ich es mag.

Wesentlich schwerer fällt mir die Entscheidung beim Essen.

Den ganzen Tag lang habe ich mit meinem Sohn Hamburg erkundet. Wir sind ordentlich hungrig, da scheiden kleine Gerichte wie Salate, Suppen und Brotzeitteller aus. Als ich meinem Sohn die Karte vorlese, schreit er bei der„Holsteiner Kartoffelsuppe mit Lauch“ laut „Lecker!“ und tatsächlich entpuppt sich seine Wahl als goldrichtig: Das Kind ist begeistert von der cremigen Suppe mit pürierten Kartoffeln. Einwandfreie Hausmannskost.

„Tradition an Bord, ein Festessen an Land“: liebevolle Umschreibung für Labskaus

Ich selbst wage mich nach einigem Zögern an ein typisches norddeutsches Gericht heran, das nicht sehr oft auf der Speisekarte steht: Labskaus. Ich habe es zuvor erst einmal gegessen und obwohl das 15 Jahre her ist, ist mir die etwas merkwürdige, matschige Mischung aus Kartoffeln, Rindfleisch, Rote Bete, Zwiebeln und Matjes, der (zumindest damals) ziemlich rassige Geschmack und die Konsistenz (kleine, harte Fleischstückchen…) bis heute deutlich in Erinnerung geblieben.

Aber ich bin neugierig – und in Hamburg. Also bestelle ich den Labskaus. Ich werde sehr angenehm überrascht!

Kennt jeder, der schon mal Hamburg besichtigt hat: die Landungsbrücken

Kennt jeder, der schon mal Hamburg besichtigt hat: die Landungsbrücken

Im Blockbräu wird der Labskaus traditionell serviert: als rosafarbene Masse aus Kartoffel-Rote Bete-Pürree, die sich unter einem Spiegelei versteckt, dazu Rote Bete, Gewürzgurken und Matjesfilets als Beilagen. Die rosafarbene Masse schmeckt zwar deftig-würzig, aber nicht scharf. Das Fleisch ist deutlich zu schmecken, doch es schmeckt nicht vor. Und auch die Konsistenz ist nicht stückig wie bei meinem ersten Versuch, das Püree zergeht auf der Zunge. Die Beilagen gestalten das Essen sehr abwechslungsreich. Mit dem Spiegelei schmeckt der Labskaus fast wie Kartoffelbrei. Eine erdige Note bekommt er mit den Roten Beten. Die saure Gurke erfrischt zwischendurch.

Die Kombination mit Matjes kommt wohl dem Ursprung am nächsten, der dem Gericht nachgesagt wird. Es heißt, Labskaus sei als Seemanns-Essen entstanden. Das gepökelte, haltbar gemachte Fleisch wurde der Legende nach püriert serviert, weil viele Seeleute vom Skorbut zahnlos waren. Als der Labskaus an Land kam, galt er lange Zeit als Arme-Leute-Essen. Denn in dem Püree ließen sich unauffällig auch minderwertige Zutaten verarbeiten. So kam oft alles hinein, was von den Vortagen übrig war.

Das war bei dem Labskaus im Blockbräu ganz sicher nicht der Fall. Dort ist er eine runde Geschmackssache mit hochwertigen Zutaten und hat nach einem spannenden aber anstrengenden Tag mit Stadtbesichtigung sehr gut gesättigt.

  • Blockbräu, Bei den St. Pauli-Landungsbrücken 3, 20359 Hamburg, Tel. 040/ 44 40 50 00
Es hat schon seinen Grund, warum Labskaus traditionell unter einem Spiegelei versteckt wird. Geschmeckt hat es übrigens: gut

Es hat schon seinen Grund, warum Labskaus traditionell unter einem Spiegelei versteckt wird. Geschmeckt hat es aber tatsächlich überraschend gut.

Ein Tipp von den Jägern des verlorenen Schmatzes: In Norddeutschland wird Labskaus sogar fertig in der Konserve verkauft… Wenn ihr jetzt Appetit bekommt, aber in einer anderen Region Deutschlands zuhause seid, dann könnt ihr den Labskaus auch online bestellen! Damit das Auge mit isst, braucht ihr nur noch ein gebratenes Spiegelei über das Pürree legen und den Teller mit ein paar sauren Gurken, Roter Bete und Hering dekorieren. Guten Appetit! Oder wie es auf der Konserve heißt: „Tradition an Bord, ein Festessen an Land“.

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