Marrakesch: Auf ins Gewühl!

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Wie das Tischlein-deck-dich aus dem Märchen füllt sich der Jemma el Fna jeden Abend auf wundersame Weise mit Garküchen, Dattel- und Orangensaftständen, fliegenden Plätzchenhändlern, Schlangenbeschwörern, Henna-auf-die-Hände-Malerinnen, Wahrsagern, Nippes-Verkäufern, Taschendieben, … und vielen, vielen vom Shoppen und Feilschen im Souk erschöpften Touristen. Kein Marokko-Reiseführer, in dem der „Platz der Gehenkten“ nicht als Must-Do befohlen empfohlen wird. Wer sich hier nicht wenigstens einmal durchs Gedränge geschoben hat, der war gar nicht wirklich in Marrakesch.

Der Co-Jäger und ich hassen Menschenmengen, Weihnachtsmärkte und Fußgängerzonen sind uns ein Gräuel. Aber auf dem Platz waren wir trotzdem.

 

Denn obwohl der Jemma el Fna abends noch voller ist als der legendäre labyrinthartige Souk, der direkt nebenan liegt, tagsüber (und das will etwas heißen in einer Stadt, die nicht gerade an Touristenmangel leidet), liegt eine besondere Stimmung auf dem Platz. Pünktlich zur blauen Stunde steigen hier dichte Grillwolkenschwaden auf, trommeln Trommler, flöten Schlangenbeschwörer und verlangen die Verkäufer ihren Stimmen das Letzte ab, um über das Stimmengewirr hinweg gehört zu werden. Und auf jedem Stand türmt sich Essbares. Das Paradies für die Jäger des Verlorenen Schmatzes.

Auf den ersten Blick bieten die Essensstände dann allerdings alle dasselbe an, sie sehen auch alle gleich aus und deshalb wird man alle zwei Meter von einem Kellner mit einer zerfledderten, mehrsprachigen Speisekarte in der Hand angesprungen angesprochen, ob man sich nicht genau hier, jetzt sofort hinsetzen und essen wolle. Erstmal über den Platz flanieren und sich umschauen, ist nicht einfach. Lohnt sich aber!

Bei genauerem Hinschauen gibt es nämlich Stände, an denen nur Touristen sitzen, die Ungewürztes, Totgekochtes, zu lang oder zu kurz Gegrilltes mit Limo oder Tee herunterspülen. Und dazwischen vereinzelt Büdchen, wie jenes, das wir ganz am Rand entdeckten, obwohl (oder eher: weil) dort kein Kellner lauerte. Zwar verstanden wir die Speisekarte nicht – ein Schild mit einigen wenigen arabischen Schriftzeichen, das über dem Koch hing – aber wir erkannten, was er aus seinem großen Topf schöpfte: Harira. Außerdem gab es noch einen Nachtisch, den unsere Tischnachbarn uns breit lächelnd anboten, nachdem unsere Kleine neugierig nach ihrer Portion gegriffen hatte: Teigkringel, die aussahen wie in Fett ausgebacken, und schmeckten wie mit Honig lackiert.

Wir entdeckten auch Stände, die alleine wegen ihres Angebots unter dem Touristenradar liefen: An einem gab es nur gekochtes Hammelhirn, ein anderer verkaufte etwas, das wir nicht genau identifizieren konnten. Wir hatten inzwischen jedoch Appetit auf Nachtisch und fanden ihn an einem Stand, an dem wir nur kurz aus Neugierde stehen geblieben waren. Zwei große braune Haufen thronten dort auf dem Tresen, und wäre es dafür nicht zu warm gewesen, wir hätten sie für Schoko- und Karameleis gehalten.

Einfach mal kurz stehenbleiben, das gibt es auf dem Jemma El Fna, diesem Tummelplatz der Turboverkäufer und Nein-als-vielleicht-ja-doch-Versteher, natürlich nicht. Zack, schon drückte uns jemand ein Gläschen mit einem grellroten Heißgetränk in die Hand, das sich als extrem süßer Nelkentee entpuppte und zwar als Einladung gemeint war, aber eine, für die wir anschließend zahlen sollten. Und zack, manifestierte sich ein Tellerchen auf dem Tresen vor uns, auf das zwei kleine Häufchen von den beiden großen, die uns hatten anhalten und schauen lassen, gekratzt worden waren.

Nachdem wir das erste Löffelchen der körnig-cremigen Masse probiert hatten, verziehen wir die Überrumpelungstaktik jedoch umgehend. Sie schmeckte weihnachtlich und zugleich orientalisch, nach Nelken, Kardamom, Ingwer und anderen Gewürzen, die dunklere von beiden auch noch schokoladig. Und schoß unseren Zuckerspiegel in derartige Höhen, dass wir auf unserem Rückweg ins Hotel, einmal quer über den Jemma El Fna, eine regelrechte Schneise in die Verkäuferschar pflügten.

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