Gastbeitrag: Auf nach Schweden zum traditionellen Krebsefangen!

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Vielen Dank an Reise- und Familienblogger Hartmut Vogt für diesen schönen Gastbeitrag, der nicht nur Appetit macht, sondern uns auch einen Blick in die schwedische Seele werfen lässt. Hartmut und seine Familie leben seit rund 15 Jahren in Schweden, seit Anfang 2015 bloggt er auf www.4aufeinenstreich.se Geschichten aus seiner Wahlheimat sowie von  Reisen in südlichere Gefilde und zu den exotischeren Orten dieser Erde. Eine Schwäche für Neuseeland hat die Familie übrigens auch!

Der August ist in Schweden oft ein besonders schöner Monat. Auch wenn die Tage bereits merklich kürzer werden, ist es tagsüber meist noch sommerlich warm, die Sonne scheint, das Wasser in den Seen und im Meer hat optimale Badetemperatur, und irgendwie ist das gesamte Land in einer angenehmen, entspannten Stimmung.

August ist auch der Monat, wenn viele Schweden das Ende der Ferienzeit nutzen, um sich mit Familie und Freunden zum sogenannten kräftskiva, zum Krebsessen, zu treffen. Der Begriff kommt von kräftor, also Krebse auf Schwedisch, und dem Wort skiva, was Fest oder Feier bedeutet, im Wortsinne allerdings Scheibe bzw. Tischplatte, auf die man die Leckereien bei einem Fest stellt.

Traditionell darf man die Krebse erst ab dem ersten Mittwoch im August fangen. So wie Midsommer gewissermaßen den Sommer einleitet, ist das kräftskiva deshalb ein bisschen wie das Ende des Sommers.

Heutzutage werden die meisten Krebse importiert und kommen tiefgekühlt aus Spanien, der Türkei und vor allem aus China und können so theoretisch das ganze Jahr über gegessen werden. In unseren ersten Jahren in Schweden mussten wir selbst auf diese Tiefkühlvariante zurückgreifen, denn frische schwedische Krebse sind recht teuer und nicht immer einfach zu bekommen. Besonders lecker waren sie allerdings nicht. Von unseren schwedischen Freunden kauft aber keiner diese Tiefkühlkrebse, weshalb wir uns schon fragen, warum sie eigentlich rund ums Jahr erhältlich sein müssen.

Seit einigen Jahren haben auch wir die Möglichkeit, bei lieben Freunden von uns das Krebseessen so richtig zu erleben. Dabei steht nicht der Verzehr im Vordergrund, sondern das Drumherum: dass man Freunde trifft und eine schöne Zeit zusammen verbringt und dass man die Krebse zusammen fängt. Das begeistert vor allem unseren Sohn, der für seinen Geschmack viel zu selten zum Angeln kommt.

Krebse werden mit kräftburor, einer Art Reuse, gefangen, die mit einem Köder bestückt auf den See,- Fluss- oder Meeresgrund hinuntergelassen wird – eben je nachdem, wo man seine Krebse zu fangen gedenkt. An der Westküste fängt und isst man meist Krebse aus dem Meer, wohingegen man im restlichen Schweden die Krebse eher aus Flüssen und Seen holt.

Wenn wir bei unseren Freunden sind, werden am Vortag des geplanten Festschmauses erst einmal die Reusen zu Wasser gelassen. Dazu fahren wir mit dem Ruderboot raus auf den See vor ihrem Sommerhaus. Einige Reusen platzieren wir aber auch gerne in Ufernähe und im Schilf. Die Schweden haben da meist so ihre Erfahrungswerte, wo sich die Krebse am ehesten aufhalten. Aber aufgepasst, das Krebsefischen ist nicht öffentlich erlaubt! Man muss entweder eine Genehmigung haben oder irgendwo ein Stück Wasserfläche mit Fangrecht besitzen. Wildern kommt leider trotzdem vor, jedes Jahr liest man von Leuten, die von der Polizei in flagranti erwischt werden.

Am nächsten Tag kommt dann der spannende Moment, wenn wir die Reusen wieder einholen. Natürlich hoffen wir auf einen großen Fang und ziehen erwartungsvoll an den Schnüren. Meist wollen alle Kinder gleichzeitig ziehen und zuerst sehen, wie viele Krebse wohl in die Reuse gegangen sind. Da ist es oft gar nicht so einfach, das Boot im Wasser auf Kurs zu halten und wenn sich alle gleichzeitig auf eine Seite lehnen, muss man schon mal eingreifen … Eine bestimmte Größe sollten die Krebse allerdings schon haben, sonst wirft man sie am besten gleich wieder zurück. Wir wollen ja auch noch im Jahr darauf welche fangen können.

Hat man die Krebse mit den Reusen an Land gebracht und in einem Eimer gesammelt, ist es bald an der Zeit sie ihrer weiteren Bestimmung zu übergeben, sprich: dem Kochtopf! Man kocht die Krebse in einer Art Sud, immer mit viel Kronendill, Salz, Zucker und je nach Vorliebe eventuell auch noch Bier. Für mich ist es immer ein etwas komischer Moment, wenn wir das lebende Tier ins kochende Wasser legen, wo es innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde stirbt und seine für gekochte Krebse so typische rote Farbe annimmt. Das ist sicher nicht jedermanns Sache …

Nach diesem für zarte Gemüter etwas unangenehme Teil des kräftskivas kommt der gemütliche Part, denn die Krebse werden kalt verzehrt. Manche Leute warten sogar bis zum nächsten Tag. Auch darüber, wie die Krebse gegessen werden, gibt es unterschiedliche Auffassungen, jede schwedische Familie hat da so ein bisschen ihre eigene Technik und Überzeugung. Die einen saugen den Sud zuerst lautstark aus den Krebsen heraus, bevor sie sie verzehren, andere schwören darauf, dass sich das beste Krebsfleisch in den Scheren befindet … Diese Fachsimpeleien überlassen wir lieber den echten Experten, zu denen wir uns auch nach etlichen kräftskivor nicht zählen wollen.

Zu den Krebsen isst man typischer Weise Knäckebrot, Kartoffeln, hausgemachten Pajs (Quiche) und aromatischen Käse wie z.B. västerbottenost aus dem nördlichen Schweden. Und dann darf natürlich der Schnaps nicht fehlen. Auch in dieser Beziehung ähnelt das kräftskiva sehr dem Midsommerfest im Juni. Und wo Schnaps mit im Spiel ist, fehlen natürlich auch nicht die für schwedische Feierlichkeiten üblichen snapsvisor, also Schnapslieder. Diese Lieder sind meist Abwandlungen bekannter Hits und Melodien mit oft recht zweifelhaften oder zumindest recht einfallslosen Texten. Aber das ist den meisten dann im Laufe des Abends auch egal.

Auf unseren kleinen Krebsfesten spielt der Alkohol eine untergeordnete Rolle, da eigentlich keiner von uns Eltern den wirklich mag. Und die alkoholfreie Variante – ja, in Schweden gibt es tatsächlich auch alkoholfreien Schnaps! – ist nicht besser, eher im Gegenteil.  In der Beziehung haben wir uns auch nach 15 Jahren in Schweden noch nicht komplett angepasst. Wir lassen den Alkohol lieber gleich sein, was für uns auch völlig ok ist. Uns geht es wirklich mehr um die Geselligkeit.

Zu einem richtig tradionellen kräftskiva gehören eigentlich auch noch Laternen, Girlanden, (selbstgemachte) lustige Hüte, ein Sabberlatz (!) oder entsprechende Servietten, sowie richtiges Werkzeug, sprich Spezialmesser, mit denen man die Krebsklauen besser knacken kann. Die Hüte und Lätze sparen wir uns in der Regel – das ist uns (und auch unseren schwedischen Freunden!) dann doch ein bißchen zu traditionell.

Auch wenn wir gerade tiefsten Winter haben: Wir freuen uns jetzt schon auf unseren Ausflug zum Krebsefangen im nächsten Sommer!

Wenn ihr jetzt (genau wie wir) Lust auf eine Reise nach Schweden bekommen habt, dann stöbert doch mal in Hartmuts Blog: Er verrät zum Beispiel, wie man ohne eigenes Boot in die beliebten schwedischen Schären kommt, aber dass man auch im schwedischen Inland wunderbar paddeln gehen kann, er nimmt uns mit ins Viggeby Naturschutzgebiet, wo es einsame Seen gibt und diese hübschen dunkelrot gestrichenen Holzhäuschen, und zum Helden unserer Kindheit Michel von Lönneberga. Danke, wir sind schon fast unterwegs!

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Toller, ausführlicher Bericht, jetzt freue ich mich umso mehr auf unseren Schwedenurlaub im August. Bislang hat es bei mir nur zum kräftaskiva bei IKEA in Spandau gereicht. 😉 Liebe Grüße, Ines

  2. Danke für den Tipp, Ines! Da werden wir im August wohl auch mal bei Ikea vorbei schauen… Falls wir nicht gerade in Schweden sind!

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