Kaikoura: Wie man in zehn Minuten 78 Dollar vernichtet (und dabei satt und fast glücklich wird)

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Nin’s Bin ist eine Institution. Seit 36 Jahren steht das Büdchen in einer Parkbucht, die gerade so zwischen den State Highway 1 und das Meer passt, und inzwischen verkauft dort Rick, der Enkel des Gründers, Crayfish. Das sind riesige Langusten, die ähnlich wie Hummer aussehen (mit denen sie verwandt sind) und auch fast so groß sind. Aber die Exemplare, die man hier in Neuseeland bekommt, haben vorne keine Scheren, sondern … aber dazu später. Jeden Morgen fährt Ricks Bruder mit dem Boot seine Fallen ab und sammelt die langfühlerigen Panzerträger ein, manche direkt an den Felsen, die vor dem Imbiss wie ins Meer gestreut daliegen. Sie werden gekocht, gewogen und ein entsprechender Preis auf ihrem feuerroten Hinterteil mit Edding vermerkt, bevor sie in einer eisgekühlten Styroporbox auf dem Tresen auf Kundschaft warten. Die muss dann nur noch eine einzige Entscheidung treffen: Kalt mit Zitronensaft oder warm mit heißer Knoblauchbutter? Okay, und eine zweite: Fritten dazu?

 

Nin’s Bin ist kein Geheimtipp. Es ist kein fancy Restaurant (das findet man in Kaikoura). Und sollte es regnen, muss man in dem spärlich möblierten Büdchen im Stehen essen (immerhin mit Meerblick). Aber das ist egal. Wer hier herkommt, will einfach nur das in Reinform futtern, wofür dieser Küstenstreifen so bekannt ist, dass sogar eine Stadt danach benannt wurde (Kaikoura heißt in der Sprache der Maori „Langustenmahlzeit“). Wir haben Glück: Die Sonne scheint, aber über dem Meer und den Bergen hängen feine Nebelschwaden, so dass selbst der Parkplatz beinahe fotogen ausschaut. Und wir sind schon um halb zwölf da, das haben außer uns nur zwei weitere Gäste geschafft. Es hat auch Vorteile, wenn man morgens immer schon vor Tau und Tag geweckt wird.

Wir bestellen ein mittelgroßes Exemplar ($60) mit Knoblauchbutter ($8 extra) und einer großen Portion Pommes ($10), denn die sehen so aus, als wären sie von Hand aus großen Kartoffeln geschnitzt worden. Zehn Minuten später bringt uns Rick zwei Teller mit je einer Crayfish-Hälfte und einem Berg Fritten an unseren Picknicktisch, der ein paar Meter weiter zwischen Flachsbüschen am Strand steht. Und warnt uns davor, das Essen auch nur ein paar Sekunden unbeaufsichtigt zu lassen: „Die Möwen hauen sonst damit ab.“ Prompt nähern sich die ersten mit gierigem Blick. Aber sie haben keine Chance, denn wir futtern unsere köstlichen, saftig-buttrigen Schalentiere schneller leer als uns lieb ist. Auch die Fritten halten, was sie versprachen: Sie haben Biss und sind innen schön mehlig.

Langusten sind ja keine schönen Tiere, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ihr knallroter Körper ist stachelig und picklig, das Gewusel viel zu langer Beine unter dem Körper erweckt den Eindruck, als seien sie zum Sprung bereit, und mit ihren zur Seite schielenden Stilaugen und den nach hinten gebogenen Fühlern sehen die Viecher aus als hätten sie in einer Kneipenschlägerei den Kürzeren gezogen. Ihr Vorteil gegenüber Hummern: Man kann ihre Beine mit den Fingern aufknacken, um das zarte Fleisch darin herauszupulen, man muss nur gut aufpassen, wo man hinfasst, damit man sich dabei nicht aufspießt. Dass es acht Beine sind (oder sogar zehn?), ist mir erst gar nicht aufgefallen, auf meinem Teller liegt ja nur eine Hälfte. Aber als ich mir das vorderste greife, also das, was beim Hummer die Schere ist, habe ich plötzlich einen dicken, kurzen Haxen zwischen den Fingern, der ganz unerwartet dicht mit hellen Borsten behaart ist. Den Aufschrei kann ich mir gerade noch verkneifen, als ich das Ding fallen lassen, man muss seine Phobien ja nicht unbedingt an seine Kinder weitergeben. Zum Glück sind noch ein paar Kartoffelstängel auf dem Teller, an denen ich mich festhalten kann.


Nin’s Bin liegt etwa 25 km nördlich von Kaikoura direkt am SHW 1. Wer den kürzesten Weg nach Picton nimmt (von wo die Fähre auf die Nordinsel übersetzt), kommt direkt daran vorbei. Geöffnet 8 – 17 Uhr (außer er ist vorher ausverkauft). Tel. 03 – 3196454.

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5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nin’s Bin ist Kult 🙂 … Und wer Meeresfrüchte mag, der ist hier absolut richtig. Vor allen Dingen kostet ein Crayfish im Restaurant (z. B. in Kaikoura) wesentlich mehr. Und welches Ambiente könnte schöner sein, als ein Platz in der Natur mit Blick aufs Meer 😉 … Als wir vor ein paar Jahren dort waren bediente uns eine wettergegerbte Dame, die vermutlich deutlich jünger war als die aussah. Sie fragte uns, ob wir unseren warmen Crayfish mit Knoblauchbutter essen oder die „natürliche Tunke“ verwenden wollten. Sie zerteilte unsere Crayfishs in Hälften und deutete auf eine weißlich-bräunliche Masse zwischen Schale und Kopf des Meeresgetiers. Ich weiß nicht mehr, was diese Masse war, aber die Dame war, ganz im Gegensatz zu uns, ganz begeistert davon. Ich gebe zu, wir haben uns damals nicht getraut, dieses Zeugs zu essen und haben unsere beiden neuseeländischen Langusten dann doch lieber auf die herkömmliche Art mit Knoblauchbutter verputzt 🙂 …

  2. Die Eier hättest Du sicher als Eier erkannt … Die kleben üblicherweise unter dem Hinterleib der weiblichen Tiere. Soweit ich weiß, dürfen eiertragende Tiere nicht verkauft werden. Was immer dieser braune Tunke im Kopf ist (Gehirnschmalz 😉 :-)) …. Ich habe keine Ahnung … Will es mir auch gar nicht so richtig vorstellen 😉 …

  3. Unglaublich – wir haben 2002 für ein mittelgroßes Tier 24 NZD bezahlt, das weiß ich noch ganz genau, weil es mit Filzstift auf den Panzer geschrieben war 😉
    Aber Hauptsache, es schmeckt!
    Die „Tunke“ ist m.E. übrigens Magen/Darm-Gekröse. Asiaten lieben diesen Teil von Seafood auch, ich find’s ungenießbar.

  4. @ Jenny: Urks, echt? Naja, dann hab ich DAS also auch mal probiert. Die Preisspirale ist echt happig. Zumal 2002 ja 2:1 Wechselkurs war, oder?

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