Waimarama: Roher Seeigel zum Frühstück

20150619 NZ Seeigel


Es ist kurz nach 9 am Morgen und vor meinen Augen wird gerade ein Seeigel zerlegt. Fasziniert schaue ich zu, wie geschickt Bill das stachelige Tier hält, seine harte Schale mit einem sehr großen, scharfen Messer knackt und das Innenleben frei legt. Viel befindet sich nicht darin: ein wenig Flüssigkeit, versetzt mit orangegelben und schwarzen Fitzelchen. Es handelt sich dabei um die Lungen und die Geschlechtsdrüsen, aber das erfahre ich erst später. Bill taucht den Esslöffel in die Bauchhöhle des Seeigels und holt einen glibbrigen Happen heraus. Dann schaut er fragend in die Runde. Wer möchte probieren?

Ich kenne Seeigel ja vor allem vom Strandurlaub, genauer gesagt: Als äußerst schmerzhaften Stachel in meiner Fußsohle. Und als dekoratives Mitbringsel, denn was nach ihrem Tode übrig bleibt und man manchmal am Strand findet, sind rundlich-flache, pastellfarbene Hohlkörper, die aussehen wie hauchfeines Porzellan mit Lochmuster. Wunderschön. Aber eine Delikatesse? Für die Maori sind sie das, wie ich bei dieser „Maori Experience“ in einem rekonstruierten traditionellen Dorf nahe Waimarama in der Hawke’s Bay lerne.

Zu der Einladung, die ich gemeinsam mit einigen Journalistenkollegen aus aller Welt bekommen habe, gehört auch eine Verkostung typischer Gerichte: roher Seeigel, genannt Kina, und rohe Paua, eine Meeresschnecke, deren schillernden, handtellergroßen Gehäuse man, schön poliert, in jedem neuseeländischen Souvenirladen bekommt. Man genießt sie fangfrisch und häufig hat sie – wie auch hier, in Waimarama – ein Familienmitglied selbst aus dem Meer geholt. Denn der Ozean ist in Neuseeland nirgendwo weit entfernt.

Die japanische Kollegin tritt nach vorne, sie möchte probieren: „In Japan gelten Seeigel auch als Delikatesse. Und sind ziemlich teuer.“ Ohne zu zögern lässt sie sich etwas Kina in den Mund löffeln und sieht dabei aus, als würde sie das Ganze genießen. Ich bin wirklich neugierig und gebe mir einen Ruck. Sekunden später macht sich ein intensives Meeresaroma in meinem Mund breit, wie eine Fuhre Salzwasser mit fischigem Beigeschmack. Ich kaue kurz, obwohl es eigentlich nicht viel zu kauen gibt, denn der orangefarbene Schnipsel ist winzig und sehr weich. Etwas knirscht zwischen meinen Zähnen. Ich hoffe, nur ein bisschen Schale, die beim Aufschneiden zerbröselt und auf dem Löffel gelandet ist.

Später lese ich, dass das Fleisch der Seeigel Anandamid enthält. Das ist eine vierfach ungesättigte Fettsäure, die beim Menschen an denselben Rezeptoren andockt wie das THC der Cannabis-Pflanze. High macht es allerdings nicht, obwohl man es dem psychedelisch-orangefarbenen Zeug durchaus zutrauen würde. Experten schwärmen dennoch von den briefmarkengroßen Filets des Meeresbewohners, von ihrer zarten Süße und der leichten Textur, die cremig, beinahe schaumig sei. Ich habe eher das Bedürfnis, mir den Mund auszuspülen. Am besten mit etwas Hochprozentigem.

Aber jetzt ist ja noch die Paua an der Reihe. Augen zu und durch, es gibt kein Zurück mehr. Geschickt holt Bill die Meeresschnecke mit seinem Küchensäbel aus der ohrförmigen Schale und filetiert sie. Übrig bleibt ein Stück Fleisch, das wie ein Steak aussieht, das jemand in der Pfanne vergessen hat – es ist nämlich tiefschwarz. Flink schneidet er es in kleine Happen und ich greife zu. Diesmal bin ich positiv überrascht. Obwohl es knorpelig und zäh aussah, ist das Fleisch sehr zart und wäre es nicht immer noch Frühstückszeit, dann würde ich sie – vielleicht kurz angebraten oder gekocht, zum Beispiel in einem Risotto – vermutlich richtig lecker finden.

Wer jetzt Appetit bekommen hat, kann die Maori Experience in Waimarama – zu der auch die traditionelle Challenge durch einen Krieger, Begrüßung ins Marae, Haka, Besichtigung des Dorfes samt Aal-Teich und ein warmes Essen gehören – hier buchen.

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