Wanaka: Pie-nliche* Geständnisse

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Guten Tag. Ich heiße Julia und ich bin süchtig nach Pies.

So. Gut, dass das endlich raus ist. Es wäre mir wirklich äußerst unangenehm, inflagranti beim Verzehr einer jener Pasteten erwischt zu werden, deren Füllung an Hundefutter erinnert. Schließlich habe ich einen Ruf als Spürnase für gutes Essen zu verlieren.

Den Kiwis scheint gar nicht bewusst zu sein, welches Gefahrenpotenzial dieser Klassiker der neuseeländischen Küche birgt. Er ist im kleinsten Kaff erhältlich und damit das denkbar bequemste Essen, wenn man sich on the road mal wieder verzettelt hat, weil man hier und dort anhalten musste und plötzlich der Hunger schon so groß ist, dass auf gar keinen Fall mehr Zeit zum Kochen bleibt. Ja, ich weiß, das sind alles faule Ausreden. Ich hätte einfach die Finger davon lassen sollen. Aber niemand hatte mich vor dem Suchtpotenzial gewarnt – damals. Der Pie lag einfach da, appetitlich in der ausgeleuchteten Glasvitrine. Handtellergroß, wie eine Mini-Quiche, nur dass ein Deckel aus Teig seinen Inhalt verbirgt (was meist von Vorteil ist – aber dazu weiter unten). Und günstig war er auch noch, $3,90 sind selbst für einen Backpacker erschwinglich.

Ich hatte Hunger. Ich kaufte. Ich biss hinein. Es war zu spät.

In Neuseeland grenzt es an ein Wunder, wenn eine Bäckerei Brot verkauft – aber garantiert sind ein paar Pies in der Warmhaltevitrine aufgebart. Auch in Tankstellen, Take-Aways und natürlich vielen Cafés werde ich in Versuchung geführt. Etwa ein Mal pro Woche werde ich schwach und esse etwas, das sehr häufig meinen Gaumen leiden und meinen Magen büßen lässt, denn meist liegt das Ding wie ein Stein darin. Aber die Erinnerung hält stets nur ein paar Tage vor. Dann brauche ich Nachschub. Manchmal so dringend, dass ich gleich zwei hintereinander verschlinge.

Die meisten Pies stammen aus einer der Fabriken, von denen es in Neuseeland anscheinend hunderte gibt. Sie alle werben mehr oder weniger explizit damit, dass ihre Backwaren wie von Mutti zubereitet schmecken. Aus Erfahrung kann ich sagen: Das ist nur auf den ersten Blick ein Qualitätsversprechen. Ich habe schon in freudiger Erwartung tatsächlich hausgemachte Pies gegessen, die so schlecht waren, dass ich, wäre ich die Köchin jenes Cafés, jegliche Verantwortung für diesen Fraß abstreiten würde. Hingegen waren zum Beispiel die in vielen BP-Tankstellen erhältlichen Pies (wir hatten die Variante Räucherfisch mit cremiger Käse-Petersilien-Sauce bzw. Schinken und Ei mit Tomate und Zwiebel) überraschend gut.

Leider merkt man auch erst nach dem ersten Bissen, ob die Pastete frisch gebacken aufgetaut wurde oder schon mindestens seit gestern warmgehalten auf Kundschaft wartet. Dann bröselt und staubt der Teig, der die Füllung umschließt, wie ein Weihnachtskeks zu Ostern im Mund. Aber auch solche Exemplare habe ich mir schon einverleibt. Sogar einen mit Possumfleisch-Füllung. Und es kommt noch schlimmer: Es waren auch welche darunter, deren Inhalt mit sehr viel Wohlwollen als Ragout bezeichnet werden kann.

Gerade die weit verbreiteten Mince-and-Cheese-Variante (also Hackfleisch mit Käse) ist gelegentlich so flüssig und frei von Geschmack, dass jeder Hund, der etwas auf sich hält, sie im Fressnapf versauern lassen würde. Und die Füllung der Steak-Variante besteht häufig aus mehr gelatinöser brauner Sauce als aus Fleisch (welches aber, immerhin, nicht nach Formfleisch aussieht). Aber was rede ich von Geschmack. Die warmgehaltenen Dinger sind dermaßen heiß – oder wie ein inzwischen berühmter Polizist** es bezeichnete: „thermonuclear“ – dass man sich mit dem ersten Happs Zunge und Rachen verödet und den Rest so schnell wie möglich herunter schlingt, damit er einem nicht auch noch ein hässliches Brandblasenmuster auf die Hände tropft.

Umso mehr habe ich mich darauf gefreut, wieder nach Wanaka zu kommen. Hier gibt es nämlich eine Bäckerei, die richtig gute Pies verkauft. Nicht nur, dass ihr Teig frisch und schön mürbe ist. Es gibt sie auch in (derzeit) 15 verschiedenen Varianten, darunter außergewöhnliche wie Thai Green Chicken Curry und Chicken Satay, mit Ziege oder Hirsch gefüllt. Das Fleisch der letzteren stammt von wild lebenden Tieren an der West Coast. „Wir bezahlen lieber ein wenig mehr, damit wir wirklich gute Qualität bekommen“, erklärt mir Jason Danielson, der auch die Rezepte entwickelt. Allerdings hält ihn dieser Anspruch nicht davon ab, Pilze aus der Dose und einen Fertigmix für seine brown sauce (die Basis für die meisten Füllungen) zu verwenden.

In Wanaka bekommt man auch – man höre und man staune – einen vegetarischen Pie. Das ist mir bisher erst ein oder zwei Mal untergekommen, und ich habe mich beileibe exzessiv durch das neuseeländische Angebot gefuttert. Das allerdings bedeutet, dass hier auch fleischlos Esser der Pie-Sucht erliegen können. Aber freundlicherweise wird man davor auf einem Schild vor der Bäckerei gewarnt: „Beware: Highly addictive“ steht dort.

The Bakery, 17 Frederik St und 123 Ardmore St („Doughbin Bakery“) in Wanaka, außerdem 15 Shotover Street in Queenstown. http://thebakerynz.co.nz

* Danke, Anida, für das Wortspiel.
** „Always blow on the pie“ ist ein geflügelter Ratschlag in Neuseeland, seit ein Polizist damit vor ein paar Jahren einen Kleinkriminellen auf die Schippe nahm, den er nachts auf der Straßen anhielt. Wer nicht weiß, was neuseeländischer Humor ist, sollte sich unbedingt das Video auf Youtube anschauen. Alle anderen sowieso.

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Falls es euch nochmal durch den Arthurs Pass treiben sollte, probiert den einzigartigen Pie mit Camembert und Chicken Füllung. Best Pie ever! Kann aber auch an der 6-stündigen Wanderung gelegen haben. Besondere Herausforderung: den Pie besonders gut festhalten, damit der gemeine Kea Papagei ihn sich nicht wegschnappen kann 🙂

  2. Könnte passieren! Klingt jedenfalls sehr lecker – den werden wir gegen vorwitzige Schnäbel verteidigen.

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