Kirgisischer Roadtrip: Fettarschschafe, Wodka und Gastfreundschaft

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Die kirgisische Gastfreundschaft ist legendär: Vor ein paar Jahren sind wir vier Wochen lang durch dieses wunderschöne zentralasiatische Land gereist, das beinahe komplett im Gebirge liegt, und haben dank des tollen community based tourism überall in Privathäusern übernachtet. Unsere Gastgeberinnen (bis auf eine Ausnahme waren es stets Frauen) haben uns die Teller vollgehäuft, als hätten wir drei Tage nichts zu essen bekommen, uns in ihren schönsten Zimmern schlafen lassen und sich die dollsten Dinge einfallen lassen, damit wir hin und wieder warm duschen konnten.

Nur selten gab es eine gemeinsame Sprache (Englisch oder sogar Deutsch, unsere unterwegs aufgeschnappten fünf Worte Russisch reichten leider nicht weit), aber das hielt sie nicht davon ab, sich trotzdem angeregt mit uns über unser Leben in Deutschland und ihren eigenen Alltag, über Michael Schuhmacher, Angela Merkel und deutsche Autos zu unterhalten („Audi! Märsädäs! Wolgswagän! Super!!!“). Wo ein Wille – beziehungsweise Hände und Füße oder, unvergessen, eine Tafel samt Kreide und ein bisschen Kreativität auf beiden Seiten – da auch ein Weg!

Wer wie wir normalerweise eher wenig Fleisch ist, sollte allerdings einen Stahlmagen mitbringen. Die Kirgisen sind ein Nomadenvolk und ihre Küche eher karg. Ehrengästen und Touristen (was unserer Erfahrung nach auf dasselbe hinaus läuft) wird deshalb zum Ausgleich ganz besonders viel Fleisch und davon gerne die fettigsten Stücke aufgetan. Ich rede hier von Hammelfleisch, das so intensiv nach Schaf riecht und schmeckt, dass ich nach unserer Rückkehr erstmal das Schaffell aus unserem Wohnzimmer verbannen musste, welches wir von einer anderen Reise mitgebracht hatten, weil mich sein Geruch überforderte. Manche Gerichte werden auch mit Rind oder Pferd zubereitet. Oft bekamen wir Suppe mit etwas Gemüse und großen, undefinierbaren Fleischstücken serviert, auf der so dicke Augen schwammen, dass sich beim Erkalten eine eisähnliche Schicht auf der Schüssel bildete.

Als wir das erste Mal eine Schafherde sahen, trauten wir unseren Augen nicht.

Wo in unseren Breitengraden das Tier hinten zuende ist, sitzt hier nochmal ein dickes Fettpolster, wie ein Kissen, das jemand dem Tier unter die Wolle geschoben hat. Und bei jedem Trippelschritt schwappt diese üppige Mono-Pobacke wie Wackelpudding von rechts nach links und wieder zurück. Selbst nach vier Wochen lachten wir immer noch hysterisch, wenn wir einer solchen wogenden Herdenarschparade begegneten. Der Anblick könnte nicht obszöner sein, würden die Tiere sich blökend an einer Pole Dance Stange räkeln. Beim Metzger sieht man den Fettarsch dann als Filetstück am Haken hängen: in Form eines voluminösen Hinterns, von dem hosenbeinähnliche Streifen hängen und dessen reines Weiß durch nicht einmal das geringste bisschen rotes Fleisch unterbrochen wird.

Wer sich als Urlauber länger als ein paar Tage im Land aufhält, erleidet über kurz oder lang eine Fettüberdosis. Das Frühstück bietet so ziemlich die einzige Verschnaufpause: Es gibt starken schwarzen Tee, der den Tag über auf der Glut brodelt und einfach mit heißem Wasser aufgegossen und serviert wird, wenn Besuch kommt. Dazu (oder auch hinein gerührt) köstliche selbstgemachte Marmelade mit reichlich Frucht. Und in Streifen geschnittenes Fladenbrot, das man jedoch tunlichst frisch aus dem Ofen essen sollte, denn über Nacht verwandelt es sich in geschmacklose Pappe, die zwischen den Zähnen klebt und im Hals stecken bleibt.

In unserem Reiseführer gab es eine russische und eine kirgisische Übersetzung des Satzes „Ich esse kein Fleisch“. Das war von den Autoren nett gemeint, half aber nur begrenzt weiter. Wann immer wir „et jebeymin“ sagten, wurden wir mit großem Mitleid und Besorgnis gemustert. Die Alternative, die unsere Gastgeber uns anboten, bestand meist aus Bratkartoffeln mit Spiegelei und Tomaten-Gurke-Salat.

Wer Kirgistan als Vegetarier bereist (Veganer kommen vermutlich nur mit soliden Russischkenntnissen durch), sollte außerdem eine robuste Leber mitbringen. Vor allem, wenn der Fleischverweigerer ein Mann ist. Oder eine verdammt gute Erklärung parat haben, warum man weder Fleisch noch Alkohol zu sich nimmt. „Aus religiösen Gründen“ könnte man möglicherweise die herzliche Gastfreundschaft zurückweisen, ohne die guten Leute völlig zu enttäuschen. Wobei … die meisten Kirgisen sind Muslime, trotzdem wird Wodka in der ehemaligen Sowjetrepublik immer noch gerne und reichlich getrunken.

Nie werden wir die Wanderung vergessen, die wir nahe Karakol, in den Ausläufern des Tien Shan Gebirges unternahmen. Auf einer Wiese neben dem Wanderweg saß eine Gruppe Kirgisen auf einer Decke in der prallen Hochgebirgssonne und picknickte. Als sie uns sahen, winkten sie uns fröhlich, wir sollten uns doch dazu setzen. Machten wir natürlich, wir lieben solche Begegnungen. Erst als wir saßen, stellten wir fest, dass das Picknick aus gegrilltem Hammel, Fladenbrot und Wodka bestand. Der Co-Jäger lehnte das Fleisch höflich, aber bestimmt ab, welches dann umgehend mir aufs Fladenbrot gehäuft wurde. Dazu drückte man uns Wassergläser in die Hand, die großzügig mit Wodka gefüllt wurden.

In unserem Reiseführer stand auch: „ein bisschen“ mittrinken gibt es nicht. Entweder lehnt man direkt ab oder man versucht mitzuhalten. Mein „Nein“ wurde anstandslos akzeptiert, vielleicht weil ich durch den Fleischberg in meiner Hand der Gastfreundschaft schon Genüge getan hatte, vielleicht auch einfach, weil ich eine Frau war. Dem Co-Jäger jedoch hauten die Picknicker mit breitem Grinsen auf die Schulter, stießen mit ihm an und füllten jedes weggenippte Schlückchen sofort wortreich nach.

Zum Glück mussten wir an diesem Tag nur noch zurück ins Tal laufen. Ich mit gefühlt zwei Kilo zusätzlichem Gewicht im Bauch, der Co-Jäger beschwingt und erstaunlich trittsicher.

Auf dieser Reise haben wir übrigens auch gelernt, wie man beim Wodka Trinken möglichst nüchtern bleibt:
1. Kippen statt nippen
2. Wasser hinterher schütten
3. Brot dazu essen

 

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