Mit dem Bulli auf den Balkan, 1. Etappe: Was wir in Slowenien vermissten und warum es trotzdem eine Reise wert ist

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Wenn ich aufzählen sollte, was ich an unserem Bulli liebe, dann würde ganz oben wahrscheinlich stehen: Jede Reise beginnt vor unserer Haustür! Ich liebe auch das satte Geräusch, das die Schiebetür macht, wenn ich sie zuziehe (wwwwwwwwwwwwwwt-rabumm) und das Brummen des Motors wenn er anspringt und davor immer kurz so klingt, als müsse er noch einmal tief Luft holen (naja, der Gute ist ja auch schon 29 Jahre alt). Dann rollen wir los und schon in diesem Moment setzt das Urlaubsgefühl ein. Selbst dann, wenn wir nur übers Wochenende aus der Stadt rausfahren.

Normalerweise sind wir echte Slow Traveller. Der Weg ist das Ziel und der Co-Jäger allzeit bereit eine Vollbremsung hinzulegen, wenn ich mal wieder etwas Vielversprechendes am Wegesrand entdeckt habe (meist hat es mit Essen zu tun).

Dieses Mal allerdings waren wir ungeduldig. Die Strecke bis zum Bayrischen Wald sind wir im letzten Sommer schon ganz gemütlich abgefahren (hier und hier nachzulesen).

Deshalb wollte ich am liebsten direkt in den Alpen losfahren (was leider nicht so ganz hinhaut, wenn man in Berlin wohnt) und sofort jenen Pass überqueren, der für uns den Beginn der terra incognita markierte: die Grenze zu Slowenien. Statt dessen machten wir einen Tag lang so richtig Strecke… und mussten dann am Abend trotzdem einsehen, dass wir es nur bis nahe an die österreichisch-slowenische Grenze schaffen würden.

Familiencamping am Faaker See

Am Faaker See, der uns mit seinem türkisblau leuchtenden Wasser etwas versöhnlich stimmte, bogen wir auf einen Familiencampingplatz ein, den wir auf Google Maps entdeckt hatten. Hinter uns ein schneeweißes Wohnmobil, dem vor der Rezeption zwei Jungs im Grundschulalter und ihre Eltern entstiegen.

Der Familienvater und ich checkten gleichzeitig ein, er für zwei Wochen, ich für einen Tag. „Wohin fahrt ihr denn?“, fragte er mich. „Wir sind vier Wochen unterwegs und wollen bis nach Montenegro“, erklärte ich und lächelte ihn an: „Und natürlich wieder zurück.“ – „Ihr habt sicherlich keine Kinder“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen, drehte den Kopf zum Fenster und musterte noch einmal unseren Bulli. „Doch“, sagte ich, während mein Lächeln etwas breiter wurde: „Unsere Tochter ist drei.“

Strahlend blauer Himmel begrüßte uns am nächsten Morgen. Wir frühstückten vor unserem Bus und ließen unsere nackten Füße vom nassen, kurzgeschorenen Rasen kitzeln. Dann machten wir uns in Rekordzeit startklar. Seit Wochen schon freuten wir uns auf die Straße, die uns über die östlichen Alpen führen würde. Ich vor allem auf das Bergpanorama, der Co-Jäger auf den Spaß, unseren Bulli durch Haarnadelkurven zu steuern.

Über den Wurzenpass und Werschetzpass nach Slowenien

Eine halbe Stunde später nahmen wir in weiten Kurven Anlauf auf den 1073 Meter hohen Wurzenpass und gelangten über die Karawanken nach Slowenien hinüber. Der Bulli meisterte die bis zu 18-prozentige Steigung wacker (ein, zwei Mal fuhren wir rechts ran, um schnellere Fahrzeuge und Motorräder vorbei zu lassen) und wir waren sehr froh, die Strecke bei herrlichem Sonnenschein und klarer Sicht fahren zu können. Die Straße zum Werschetzpass war noch spektakulärer: schmal und in den 50 engen Kehren, über die sie sich auf 1611 Meter hinaufschraubte, mit Kopfstein gepflastert. Ich habe in jeder einzelnen auf dem Beifahrersitz mitgebremst und versucht, mich auf die Zweieinhalbtausender ringsum zu konzentrieren, statt in den Abgrund zu schauen.

Die Straße führt durch den Triglavski Nardony Nationalpark, benannt nach dem höchsten Gipfel Sloweniens, dem 2864 Meter hohen Triglav, der bei schönem Wetter in fast allen Teilen des Landes zu sehen ist (!). Sobald wir wieder im Tal angelangt waren, mäanderten wir am Fluss Soča entlang, vorbei an urigen Holzhäusern mit tief heruntergezogenen Dächern. Auf den bereits abgemähten Wiesen saßen Heuhaufen, die ein weißes Häubchen zierte – und uns sehr an Rumänien erinnerten.

In Slowenien (und auch Kroatien) ist freedom camping leider verboten. Wir hatten uns daher das Buch von camping.info gekauft, das auf dem Content der gleichnamigen Webseite beruht, auf der (vermeintlich) alle Campingplätze auf dem gesamten Balkan gelistet, beschrieben und von Usern bewertet werden. Wie wir im Laufe unserer Tour feststellten, war es mitnichten vollständig, wir fanden das Buch aber trotzdem ganz hilfreich, zum Beispiel um ein Gefühl für das Preisgefüge im jeweiligen Land zu bekommen.

Naturnah campen im Soča-Tal

Die Nacht auf dem Familiencampingplatz in Österreich hatte uns stolze 42,90 Euro gekostet, im Soča-Tal zahlten wir für unseren Stellplatz direkt am Fluss (keine Parzelle und freie Platzwahl) mit Bergpanorama, Wander- und Radwegen vor der Nase und einem Restaurant, das vorzügliches Bier zapfte, hausgemachtes Pannacotta mit Waldbeeren und armenischer Honig-Walnuss-Kuchen vom Konditor im Ort verkaufte, gerade mal 22 Euro. Zwei Mal am Tag kam ein mobiler Tante-Emma-Laden vorbei, der mit fröhlicher Volksmusik auf sich aufmerksam machte und alles verkaufte, was man beim Campen womöglich dringend benötigen könnte.

Wir hatten noch viel Zeit und machten einen Spaziergang zu einem Wasserfall – drei, vier Kilometer mit wenig Anstieg, dafür reichlich Baumwurzeln, Felsen und zwei zu überquerenden Bächen. Die kleine Co-Jägerin war begeistert und plantschte sogar im kalten Gebirgssee. Nachmittags sahen wir sonnenverbrannte Wanderer und Mountainbiker auf den Campingplatz zurück kehren und fühlten uns ein klein bisschen wie in Neuseeland.

Die Ungeduld war aber immer noch da.

Slowenien ist wunderschön, aber zugleich erschien uns alles zu vertraut, erinnerte uns an Österreich, wo wir beide schon oft waren. Wir konnten es nicht abwarten, endlich den für uns noch unbekannten Balkan zu erreichen. Außerdem hatten wir gehört, dass man in Bosnien und Montenegro frei campen darf und hofften auf schöne einsame Stellplätze.

Ein Schloss, ein Fluss, ein Campingplatz

Unsere nächste Etappe führte uns daher quer durch Slowenien, bis kurz vor die kroatische Grenze. An einem breiten, gemächlich dahinströmenden Fluss fanden einen charmanten Campingplatz. Der Weg dorthin führte über eine schmale Holzbrücke zunächst auf eine kleine Insel, auf der sich ein Schloss samt weitläufigem Park befindet, und über eine weitere Brücke ans andere Ufer. Wir stellten uns direkt an den Fluss unter knorrige Bäume mit ausladenden Ästen, die kleine Co-Jägerin weihte glücklich ihre mitgebrachte Schaukel ein und wir kühlten uns im Fluss ab.

An der Rezeption empfahl man uns ein ausgezeichnetes Restaurant mit slowenischer Küche, nur ein paar Kilometer den Berg rauf. Das Gostilna Vovko entpuppte sich als Volltreffer: ausgezeichnetes Essen und sehr kinderfreundlich, trotz Leinenservietten und gutem Porzellan. Die kleine Co-Jägerin bekam einen Kinderstuhl und ein Aufklappbuch mit Dinosauriern, das sie beschäftigte, bis das Essen (sehr schnell!) gebracht wurde. Die Preise: unglaublich günstig.

Slowenisches Slow Food: unbedingt probieren!

Wir bestellten eine Vorspeise bestehend aus Wildpastete und slowenischem Kajmak-Käse mit Brot (4,50 Euro); Rinderbrühe mit hausgemachten Nudeln (2 Euro); Dreierlei Strudel (eine deftige Variation des slowenischen „strukuli„) mit einer Sauce aus Kranjska-Gouda (7,50 Euro); Wildschwein mit deftigem Strudel (11 Euro). Dazu gab es in Slowenien gebrautes Pale Ale. Für einen Nachtisch – wir hatten mit Apfelstrudel geliebäugelt, der auch eine slowenische Spezialität ist – war dann leider keine Platz mehr.

Während wir unser Essen genossen, zog der Himmel zu und ein Gewitter fegte die schwüle Sommerhitze davon. Plötzlich rüttelte der Wind an den Fenstern gefolgt von Eiskörnchen, die an die Scheiben prasselten. Fünfzehn Minuten später regnete es nur noch und wir schafften es halbwegs trocken in unseren Bus. Auf der schmalen Straße, die uns durch den Wald zurück zum Campingplatz brachte, mussten wir herunter gebrochene Äste und von den Hängen gespültes Geröll umfahren. Unser Stellplatz hatte sich in einen See verwandelt, der Fluss war seit wir darin gebadet hatten tatsächlich ein Stück gestiegen. Vor dem Zelt unserer Nachbarn stand ein einsamer, erloschener Gaskocher.

Wir parkten etwas weiter vom Flussufer entfernt auf dem geschotterten Teil des Campingplatzes, stiegen in unsere Gummistiefel und sammelten unsere Habseligkeiten ein – die von der Leine gefegten Badetücher aus dem Matsch, die zum Trocknen aufgestellte Luftmatratze aus der Hecke. Die kleine Co-Jägerin sprang derweil glücklich in den Pfützen herum.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, unbedingt, Sabine – auch fürs uns! Gerade auch was das Essen angeht. Wir hatten den Eindruck, dass Slow Food in Slowenien zur Lebensphilosophie gehört.

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