Tolaga Bay: Grünlippenmuscheln und Gastfreundschaft

Gemeinsames Knacken der Grünlippenmuscheln


Die East Coast wird uns als die Gegend mit den gastfreundlichsten Menschen in Erinnerung bleiben. Heute Nacht haben wir in Gisborne in der Auffahrt eines Mannes parken dürfen, der mit Pauline vom Te Araroa Backpacker* verwandt ist, wo wir letzte Woche ein paar Tage verbrachten. Er musste heute früh zur Arbeit, aber hat die Haustüre einfach für uns offen gelassen. Bei ihm lebt eine von Paulines Töchtern, deren vierjährige Tochter wiederum in Te Araroa bei der Großmutter lebt – wo die Kleine begeistert mit unserem Baby gespielt hat. In Tolaga Bay, wo wir vor Gisborne waren, haben wir durch eine Verkettung von Zufällen Wendy und ihren Sohn Buck kennengelernt, die gerade Besuch hatten von Jeb und Tammy und ihren vier Kindern (die Jüngste nur wenig älter als unsere Kleine).

Es waren lauter Maori-Familien, bei denen wir zu Gast waren. Oft leben drei oder vier Generationen zusammen (auch entfernte Verwandte, die im Zweifelsfall „Cousins“ sind und einfach zum gleichen Clan gehören) und sie haben uns ganz selbstverständlich in ihre großen Familien aufgenommen und einen kleinen Einblick in ihr Leben ermöglicht. Ich weiß, dass die Statistiken etwas anderes erzählen – von Schulabbrechern, Alkoholmissbrauch und familiärer Gewalt – aber wir haben eine andere Seite erlebt. Wir haben Menschen kennengelernt, die nur sehr wenig Geld verdienen und trotzdem unfassbar großzügig sind. Die kein leichtes Leben haben und dennoch eine mitreißende Fröhlichkeit. Und die, weil sie sich nicht viel kaufen können, ganz selbstverständlich Land und Meer als ihren Vorratsschrank nutzen. Jeb und Tammy beispielsweise leben auf einer Farm ein Stück im Landesinneren, wo sie ihr eigenes Gemüse anbauen. Jeb geht regelmäßig jagen und während ihrer Besuche an der Küste sammeln sie Muscheln, Paua und Seeigel.

 

Dieses Mal sind Grünlippenmuscheln dran – und wir dürfen mitkommen. In Tolaga Bay gibt es eine historische Seebrücke, die 660 Meter weit ins Meer hinaus reicht (es ist die längste der südlichen Hemisphäre). Ganz vorne verbreitert sie sich zu einer Plattform, auf der wir am Vorabend drei Kerlen dabei zugeschaut haben, wie sie versuchten, einen riesigen Kingfish zu angeln, welcher noch unentschlossen ihre Köder umkreiste. Jetzt schwimmen wir selbst darunter im türkisblauen Wasser und ich bin heilfroh, der Sonne entkommen zu sein. Trotz Creme mit Schutzfaktor 50 und einem weißen Tuch auf dem Kopf überfordert mich die neuseeländische UV-Strahlung. Aber wir mussten auf Ebbe warten, sonst wären die Muscheln ganz vorne an der Brücke, wo sie am größten sind, zu tief unter Wasser. Und die fällt heute leider genau auf die Mittagszeit. Die Einheimischen stört das wenig. Juchzend springen die Kinder und Jugendlichen immer wieder von der Brücke ins Wasser, fünf, sechs Meter tief, und steigen die Leiter wieder hinauf.

Wir sammeln die Muscheln in einem schwimmenden Korb, den Jeb aus dem Schlauch eines Autoreifens und einem darunter hängenden Plastiknetz gebastelt hat. Da es nur zwei Paar Flossen, Taucherbrillen und Handschuhe (die Schalen sind scharfkantig) gibt, wechseln wir uns ab. Denn wir wollen nicht die „kleinen“ Muscheln sammeln, die über dem Wasserspiegel wachsen (sie sind etwa so groß wie die Miesmuscheln, die man in Deutschland bekommt), sondern die zwei- bis dreimal so großen Exemplare, die tiefer unten am Pfeiler sitzen. Und wir wollen nicht ganze Flächen abgrasen (was natürlich schneller ginge), denn dann wären auch kleine und winzigkleine Muscheln darunter. Und die sollen ja erst mal wachsen, damit es auch zukünftig noch etwas zu ernten gibt.

Als ich das erste Mal mein bebrilltes Gesicht ins Wasser tauche, bin ich überrascht: Die Sicht ist schlecht, vielleicht einen Meter weit. Und die Muscheln wachsen nicht alleine an den Pfeilern, sie haben an irgendwelchem Grünzeug angedockt, von dem sie halb überwuchert sind. Wenn man also wie ich nicht besonders lange die Luft anhalten kann, schwimmt man am besten zügig nach unten und greift beherzt zu, sobald man eine schön Große entdeckt. Schnell ist sowieso gut. Dann schafft man es nämlich möglicherweise, die Muschel abzureißen, bevor sie merkt, wie ihr geschieht. Sobald sie ihre beiden Hälften zugeklappt hat, hält sie sich mit erstaunlicher Kraft an dem Grünzeug fest. Nach ein paar vergeblichen Versuchen tauche ich mit meiner ersten, etwa handlangen Grünlippenmuscheln und einem stolzen Grinsen wieder auf und ernte von meinen einheimischen Co-Jägern ein anerkennendes „Yeeeeeh“.

Die Dinger haben, auch weil sie so überwuchert sind, ein ziemliches Gewicht. Jeb und Buck wuchten unseren Korb ein paar Mal die Leiter hinauf. Auf der Ladefläche ihres Pick-Ups fahren wir den immer noch tropfenden Haufen nach hause. Dank der vielen helfenden Hände wird daraus dann innerhalb kurzer Zeit ein Topf voll mussel chowder (Muscheln in einer dicken Sahnesauce). Einige backt Tammy auf der halben Schale im Ofen. Und einige überbrühen wir kurz, damit sich die Schale öffnet, pulen dann das Fleisch heraus und legen sie in Essig und Zucker mit rohen Zwiebeln ein. Dazu holt Wendy Seegras aus dem Gefrierfach, das sie im Winter auf den Felsen am Ende der Bucht gesammelt hat. Sie kocht es mit etwas Salz zu einem dicken Brei, den wir uns als Beilage auf gebuttertes Toast streichen. Ein einfaches Essen, das aber großartig schmeckt. Nicht nur weil wir nach dem Tag im und am Meer ausgehungert sind. Sondern weil ein Essen in so großen Runde – am Abend sitzen neun Erwachsene und fünf Kinder um den Tisch – einfach schön ist.

*Hat nichts mit Essen zu tun, aber es war eine besondere Begegnung, die wir gerne empfehlen möchten: Im Te Araroa Backpackers kann man unter Anleitung des Maori-Künstlers Jack Brooking seinen eigenen Jade-Anhänger schnitzen. Für uns hatte er direkt am nächsten Tag Zeit, wer auf Nummer sicher gehen will, fragt vorher beim Backpackers an: Tel. 06-8644896 bzw. 021-1174740 oder unter paulinehovell -attt- yahoo – punkt – com.

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