Wellington: Fisch direkt vom Kutter

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Als ich ein Kind war, konnte man in dem kleinen Ort an der Nordsee, in dem meine Großeltern lebten, noch Krabben direkt vom Kutter kaufen. Auf dem Abreißkalender in ihrer Küche standen immer auch die Zeiten von Ebbe und Hochwasser, dort schauten wir nach, wann die Fischer mit ihren Booten im Hafen liegen würden. Eine meiner liebsten Erinnerungen ist das gemeinsame Krabben Pulen: Drei Generationen saßen um den alten Küchentisch meiner Großeltern, in der Mitte ein Berg Granat (so werden die ganz kleinen Krabben in Friesland genannt), den wir gemeinsam pulten. Meine Eltern behaupten, ich konnte das schon mit drei Jahren.

Wenn der Granat frisch ist, geht das ganz einfach: Man packt das semikolonförmige Tierchen vorne und hinten mit Daumen und Zeigefinger, halbiert seinen weichen Panzer mit einer flinken Umdrehung des Handgelenks und zieht dann die Kopf- und die Schwanzhälfte wie eine Socke herunter. Was wir nicht sofort schnabulierten, häuften wir uns anschließend auf eine mit Butter bestrichene Graubrotscheibe. So dick, dass beim Abbeißen immer etwas herunterfiel.

Meine Tochter wird das Granat Pulen vermutlich nicht mehr lernen, zumindest nicht in Deutschland. Inzwischen wird der Fang direkt nach Nordafrika verfrachtet, dort gepult und landet erst dann bei uns im Supermarkt oder auf den Wochenmärkten entlang der Küste. Auch frischen Fisch bekommt man bei uns nicht mehr direkt vom Fischer. Die Nordsee ist so leergefischt, dass sich ein kleines Boot, das täglich rausfährt, gar nicht rentieren würde.

Umso beglückter war ich über meine Entdeckung auf dem Wochenmarkt, der Sonntags neben dem Te Papa, Neuseelands größtem und schönsten Museum, stattfindet. Dort, im Herzen der Hauptstadt, vielleicht ein oder zwei Kilometer vom Regierungsviertel entfernt, liegt ein kleines Fischerboot vor Anker, an dessen Deck sich Kisten mit Cod und Gurnard, Snapper und Kingfish, Moki und Groper und noch viel mehr stapeln. Man spaziert also an den üblichen Verkaufsständen vorbei bis vor zum Kai, rechterhand liegen all die eleganten Segel- und Motorboote im Yachthafen, und direkt an der Hafenmauer hat das etwa zehn Meter langes Fischerboot festgemacht. Einer der Männer nimmt die Bestellungen der Kunden entgegen, die ihre Wünsche herüber rufen, greift daraufhin den gewünschten Fisch aus einer der Kisten und reicht ihn den beiden Kollegen mit den scharfen Messern und großen Gummischürzen, die ihn in Windeseile schuppen und filetieren oder in Steaks zerhacken. Und um sie herum luren die Möwen darauf, dass ihnen ein Rest zugeworfen wird.

Der Fisch wurde zwar nicht mit dem Markt-Boot selbst gefangen – aber mit verschiedenen Trawlern desselben Besitzers (einem gebürtigen Italiener) und wurde vor den Küsten von Napier, Picton und Wellington aus dem Meer geholt. Es ist also so etwas wie ein Miniatur-Fischmarkt an der frischen Luft (was das für Fischmarkthallen charakteristische Geruchsproblem auf formidable Weise löst). Als ich einen der Männer frage, woher genau der Groper, den wir kaufen, stammt, lacht er nur und sagt: „Ist doch egal. Du wirfst hier irgendwo Dein Netz aus und schon hast Du Fische darin.“ Möglicherweise wurde er also nur ein paar Kilometer weiter aus dem Meer gezogen.

Bevor wir unsere Shoppingrunde über den Markt drehten, haben wir uns am (ebenfalls in authentisch italienischer Hand befindlichen) Kaffee-Büdchen mit einem großen Kaffee gestärkt (der aber Flat White und nicht Capucchino hieß, so viel Lokalpatriotismus muss sein) und sind dabei mit Diane, einer Wellingtonierin, ins Gespräch gekommen. Sie erzählte uns, dass der größte Snapper, den jemals jemand in Neuseeland gefangen hat, in Wellington gefangen wurde. Von einem Mann, der an der Oriental Parade – also mitten in der Stadt – seine Angel ins Wasser gehalten hat.

Wellington Harbourside Market
Jeden Sonntag 7:30 bis 14:00 Uhr, im Winter bis 13:00 Uhr. www.harboursidemarket.co.nz

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Julia Schon

    Vielen Dank für den Artikel. Leider ist der Betreiber des Kutter im Hafen ein Grosshaendler, der die Preise für die kleinen, privaten Fischer kaputtgemacht hat. Der Fischer, der vor ein paar Jahren neben dem Wochenmarkt seinen selbstgefangenen Fisch verkauft hat, ist nach Eastbourne (am anderen Ende der Bucht) umgezogen und verkauft dort am Samstagmorgen den frischesten und besten Fisch am Ort. Probier ihn mal aus, wenn du wieder in der Gegend bist.

  2. Liebe Ariane,
    Danke für Deinen Hinweis! Leider hat mir das bisher niemand erzählt, obwohl ich auch mit einigen Locals gesprochen habe (ich war einige Male auf diesem Markt). Bis wann gab es den mehrere Fischer, die direkt im Hafen im CBD verkauft haben? Danke auch für Deinen Tipp, nach Eastbourne zu fahren. Es wird jetzt leider ein bisschen dauern, bis wir das nächste Mal in Wellington sind. Aber dann sicher!

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